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In den vergangenen Wochen hat die Öffentlichkeit das Thema Lohngerechtigkeit stark beschäftigt. Der öffentliche Nahverkehr fällt aus, weil Verdi 6,5 % Lohnerhöhung durchsetzen will und die Chefs der Dax-Konzerne verdienen zwischen € 5 Mio. und € 18 Mio. per anno. Alles gerecht?

Vertreter der reinen Lehre der Marktwirtschaft und Liberalisten lehnen sich zurück und bleiben entspannt. Irgendwo wird sich ein Gleichgewicht der Kräfte finden, und wenn sich die Gewerkschafter und öffentlichen Arbeitgeber auf 4 % einlassen ist das genauso gerecht wie eine Arbeitnehmervergütung von € 10 Mio. Im letzteren Fall haben sich eben zwei gefunden: Der eine, der dieses Geld verlangt, und der andere, der Arbeitgeber, der bereit ist, dieses Geld zu bezahlen.

Angebot und Nachfrage regeln seit jeher den Preis. Wer eine Arbeitskraft anbietet, die niemand will, kann auch nichts verdienen, weder als ungelernter Tellerwäscher noch als Akademiker. Daher ist der Arbeitsmarkt ja nicht nur geprägt von dem, was man beruflich gerne tun würde, sondern sehr viel mehr von dem, was an Arbeitsangeboten da ist. Derartige Angebote sind auch einem ständigen Wandel unterworfen. Es gab Zeiten, in denen händeringend jeder eingestellt wurde, der schon einmal einen Computer zusammengebastelt hatte, worauf ein regelrechter Run auf solche Jobs erfolgte. In der Folge gab es so viele ausgebildete IT-Leute, dass längst nicht jeder einen adäquaten Job finden konnte.

Nüchtern betrachtet funktioniert das System für die große Masse der Arbeitnehmer ganz ordentlich. Dennoch beschäftigt uns die Frage der Lohngerechtigkeit. Dies liegt daran, dass es die Extremen sind, die wir nicht verstehen. Wenn jemand richtig arbeitet, können wir nicht verstehen, dass er dafür gerade mal € 900,00 erhält (Niedriglohnsektor). Und wir können nicht verstehen, dass einige Vorstandsvorsitzende von Dax-Konzernen auf € 4.000,00 kommen, nicht je Monat, sondern je Stunde.

Wie schaffen es diese Wirtschaftsbosse, sich so unentbehrlich zu machen, dass Millionengehälter als Standard gelten? Ein wesentlicher Grund dürfte folgender sein. Die Konzernchefs stützen sich auf ein Umfeld, das ebenfalls konzern­geprägt ist. Verdient der Vorstand viel Geld, können auch die Aufsichtsratsvergütungen erheblich steigen. Ist ein Aufsichtsrat im Hauptberuf Vorstand eines Konzerns, profitiert er mit einem genehmigten hohen Gehalt insgesamt an der Gehaltsentwicklung der Vorstände. Die Entscheidungsträger in den Konzernen brauchen keine Managergewerkschaft, da sich ihre Interessen gleichen. Je mehr man sich für hohe Gehälter der Vorstände einsetzt, desto größer ist die Chance, selbst mehr Geld zu verdienen.

Die herausragende Rolle spielt dabei der Vorstandsvorsitzende. Er konnte seine Alphatier-Vergütung früher recht gut verstecken, weil im veröffentlichten Geschäftsbericht nur die Gesamtvergütung des Vorstandes zu benennen war. Demzufolge war es opportun, die Gehälter von Vorstandskollegen ein wenig zu drücken und eine gewisse Zweitklassigkeit in der Besetzung hinzunehmen. Seit das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden veröffentlicht werden muss, hat sich eine Trendwende ergeben: Sie hat nicht etwa zur Beschränkung der Spitzengehälter geführt, sondern dazu, dass die anderen Vorstände deutlich mehr verdienen als bisher, womit der herausragende Anteil der Verdienste der Vorstandsvorsitzenden relativiert wird. Dies ist ein klassischer Beleg für die These der Interessengleichheit: Alle mit der Festlegung der Gehaltsvergütung befassten Personen haben ein Interesse an einem hohen Gehaltsniveau.

Da wir in einer öffentlichen Gesellschaft leben und die Selbstorganisation der großen Konzerne so etwas zulässt, finden die Vergütungen dort ihre Grenze, wo sie als unmoralisch empfunden werden. Genau das ist die Diskussion, die in den vergangenen Wochen geführt wurde.

Könnte es sein, dass die wie auch immer definierte ethische Obergrenze einen Beweis dafür liefert, dass irgendetwas an diesem System nicht richtig funktioniert? Schaut man sich die Spitzengehälter mittelständischer Unternehmen mit hoher direkter Verantwortung für das operative Geschäft an, so wird man feststellen, dass dort von einem gesunden Gleichgewicht der Kräfte gesprochen werden kann, oder anders ausgedrückt, die Großkonzerne leben tatsächlich in ihrer eigenen Welt.

Wir gehen nicht soweit, Gesetze zur Beschränkung von Vorstandsvergütung von Dax-Konzernen zu fordern. Aber nachdenken sollte man einmal über die Personal­hierarchie in Großkonzernen. Gäbe es, frei nach den Gedanken der Marktwirtschaft, eine höhere Durchlässigkeit nach oben, so gäbe es sehr viel mehr durchaus qualifizierte Bewerber für Vorstandsposten und wo das Angebot steigt, da sinken die Preise. Dann bräuchte es keine ethischen Obergrenzen und der Neid in der Öffentlichkeit tritt gar nicht erst auf.

Wir hoffen, dass Sie das verdienen, was Sie verdienen.